Minh-Khai trifft Otto Schily

Kuratoriumsmitglied Minh-Khai Phan-Thi im Gespräch mit den Köpfen der Hertha BSC Stiftung.

Berlin - Schauspielerin, Moderatorin, Filmemacherin - Minh-Khai Phan-Thi ist das Multitalent der deutschen Medienlandschaft. Dabei schafft sie es immer wieder, ihre große Leidenschaft - Sport in all' seinen Facetten - auf spannende Weise in ihr berufliches Aufgabenfeld zu integrieren. Seit zwei Jahren engagiert sie sich als Kuratoriumsmitglied bei der Hertha BSC-Stiftung. Ab sofort ist sie jetzt regelmäßig unterwegs, bei den anderen Kuratoren der Stiftung, den Vorständen, großen Spendern, den Projektverantwortlichen: 'Minh-Khai trifft'. Diesmal Bundesminister des Inneren a.D. Otto Schily.

Minh-Khai Phan-Thi: Herr Dr. Schily, ich freue mich sehr, dass wir heute miteinander sprechen. Zu allererst interessiert mich natürlich: Wie fing denn ihre Liebe zu Hertha BSC an? Können Sie sich an den einen Hertha-Moment erinnern, bei dem die Liebe entflammt ist? Sie sind ja in Bochum geboren - hätten also genauso gut Fan des VfL Bochum werden können.
Otto Schily: Hertha BSC ist der Berliner Fußballklub. Er hat sich, wie ich finde, hervorragend entwickelt - gerade auch dank der Hertha-Stiftung. Natürlich verbindet mich mit Bochum der regionale Bezug. Dort war ich früher ab und zu im Stadion. Als im Ruhrpott Geborener hatte ich jedoch eher ein Faible für Borussia Dortmund und Schalke 04. Bei der Vorbereitung der Weltmeisterschaft 2006 habe ich mich sehr für Berlin und die Instandsetzung des Olympiastadions eingesetzt, und seitdem habe ich mich dem Hauptstadtclub Hertha BSC stärker zugewandt. Später wurde mir die Ehrenmitgliedschaft angeboten, die ich sehr gern angenommen habe. Mir gefallen vor allem die Jugendarbeit des Vereins, die auch von der Hertha-Stiftung gefördert wird, und die Zusammenarbeit mit den vielen kleinen Vereinen in der Stadt. Man darf nie vergessen: So interessant und spannend der Profifußball auch ist, letztendlich lebt der Fußball vor allem davon, dass es Amateure gibt und viele, die einfach gerne selber Sport treiben.

Phan-Thi: Da haben Sie absolut Recht. Und ich spreche da aus eigener Erfahrung, denn mein Sohn hat für einen Kiezkicker-Verein gespielt.
Schily: Die Initiative 'Berliner Kiezkicker' der Stiftung ist hervorragend! Ich kann mich an eine der letzten Kuratoriumssitzungen erinnern, wo wir anhand einiger Beispiele diskutiert haben, wie groß die soziale Bedeutung des Fußballs ist und welche positiven Ergebnisse dieses Projekt hat. Die Arbeit, die die Stiftung und auch die Fußball-Akademie in dieser Richtung leisten, ist sehr lobenswert. Junge Spieler werden gefördert, aber es können eben nicht alle Profifußballer werden und dann greift - auch durch diese Initiative - ein gutes Netzwerk. Die jungen Spieler werden nicht fallengelassen und erhalten eine Perspektive für ihr weiteres Leben. Das ist ein guter Ansatz.

Phan-Thi: Ja, das stimmt. Herr Dr. Schily, Sie sind jetzt schon sehr lange Kuratoriumsmitglied der Hertha BSC-Stiftung. Wie hat sich ihrer Meinung nach die Stiftung entwickelt? Gibt es Förderbereiche, die noch fehlen? Was kann und soll noch kommen? Worauf würden Sie die Arbeit fokussieren?
Schily: Alles, was sich entwickelt hat, ist sehr beachtlich. Und das, was gerade entsteht, was jetzt kommt, ist ebenfalls gut und wichtig. Das gerade für junge Flüchtlinge gestartete Projekt 'Willkommen im Fußball' ist eines dieser aktuellen Projekte. Angesichts der momentanen Berichterstattung müssen wir jedoch aufpassen, dass bei den Menschen nicht der Eindruck entsteht, dass das einzige Thema 'Flüchtlinge' ist. Ich habe immer gesagt, dass es in unserer Gesellschaft viele Themen gibt, die bearbeitet werden müssen. Sport ist eines der besten Integrationsfelder. Wir sehen in der Praxis die unglaublichen Erfolge. Integration funktioniert hier in einem sehr weit gefächerten Sinn. Sport fördert die nachhaltige Integration und den Zusammenhalt der Gesellschaft.

Phan-Thi: Sie haben vorhin schon erwähnt, dass Sie in die Organisation der WM 2006 involviert waren. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
Schily: Es war eine sehr aufregende und wirklich wunderbare Zeit, die mir unglaublich Spaß gemacht hat. Vor allem das von André Heller konzipierte Kulturprogramm, welches meiner Meinung nach einmalig war in der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften, und auch die Zusammenarbeit mit den Ehrenamtlichen sind mir in bester Erinnerung. Die freiwilligen Helfer sind aus allen Bereichen und Schichten der Gesellschaft zusammengekommen, um sich für den Fußball zu engagieren und jenseits irgendwelcher Vorurteile zusammenzuarbeiten. Menschen, die sonst eigentlich nie ins Gespräch gekommen wären, haben hier Verbindungen geknüpft und so die Lebensrealitäten des jeweils anderen kennengelernt. Das war das eigentliche Sommermärchen.

Phan-Thi: So war es!
Schily: Deutschland hat sich von seiner besten Seite gezeigt: als weltoffenes und modernes Land, durchaus mit Selbstbewusstsein, aber ohne irgendwelche Verquastheiten. Als Land, in dem eben auch ganz selbstbewusst mit der deutschen Flagge gewunken wurde.

Phan-Thi: Genau! Ich hatte gleich drei an meinem Auto. (lacht) Hätten Sie das eigentlich erwartet, dass es so sein wird?
Schily: Wir haben im Vorfeld von der politischen Seite viel dazu beigetragen. Wenn man sich ein Verdienst der rot-grünen Regierung in Erinnerung rufen darf, dann, dass sie das Land modernisiert hat. Dazu gehört beispielsweise die Reform des Staatsbürgerschaftsrechts. Das heißt, wenn jemand hier auf deutschem Boden geboren wird, dann erhält derjenige die deutsche Staatsbürgerschaft, und es ist nicht mehr abhängig von der blutsmäßigen Abstammung. Das war ein großer Schritt und eine kulturelle Befreiung. Das alte Staatsangehörigkeitsrecht stammt von 1913 - so lange ist das her und so lange hat es gebraucht. Ich glaube, diese Modernisierung hat maßgeblich dazu beigetragen, wie sich das Land entwickelt.

Gesagt...

"Herthaner sind laut und leidenschaftlich, aber letztendlich doch gastfreundlich und großzügig."

Otto Schily

Phan-Thi: Das stimmt! Ich bin 1974 in Deutschland geboren, meine Eltern sind aus Vietnam und ich musste sehr um die deutsche Staatsbürgerschaft kämpfen. Ich hätte mir das damals gewünscht. Herr Dr. Schily, wenn Sie heute ein Fußballspiel sehen und einen Vergleich zu früheren Epochen ziehen: Was sagen Sie zur Sicherheit? Was sagen Sie zum Stadion? Und wie beurteilen Sie die Atmosphäre?
Schily: Die Atmosphäre ist sehr viel ansprechender und auch professioneller geworden. Es gibt begleitend zahlreiche Unterhaltungsangebote. In diesem Bereich haben wir ein wenig den amerikanischen Stil übernommen. Trotzdem soll der Sport natürlich immer im Vordergrund stehen. Selbstverständlich sind nicht zuletzt die äußeren Bedingungen besser geworden: die Sitzplätze und vor allem die Sicherheit. Gewiss gibt es immer noch Punkte, die verbessert werden können und müssen - ich denke da z.B. an die Bengalos, die unterbunden oder gewalttätige Ausschreitungen, die verhindert werden müssen. Insgesamt lässt sich jedoch feststellen, dass es vor allem in der ersten Liga gut funktioniert. Die Herthaner sind in dieser Hinsicht durchaus vorbildlich: schon laut und leidenschaftlich, aber letztendlich doch gastfreundlich und großzügig.

Phan-Thi: Was tippen Sie: Wo landet Hertha BSC am Ende der Saison? Werden wir europäisch spielen oder nicht? Was ist Ihr Tipp?
Schily: Champions League! Naja, vielleicht ist es noch ein bisschen früh für Hertha BSC und die Champions League, aber ausgeschlossen ist natürlich nichts. Im Moment sieht es sehr gut aus. Das ist übrigens ein psychologisch interessanter Faktor. Wenn man erfolgreich ist und man merkt, dass die Spielweise auch zum Erfolg führt, ist das sehr wichtig für die Spieler. Wenn Sie das mitnehmen - dieses Momentum - in die jetzt bevorstehenden Spiele, dann haben sie sehr gute Aussichten. Und wir haben einige herausragende Spieler. Kalou ist zum Beispiel so ein hervorragender Spieler. Oder der junge Neuzugang von Bayern München.

Phan-Thi: Sinan Kurt.
Schily: Ja, genau. Solche Leute sind interessant, weil sie Vollgas geben, hungrig sind - wenn sie gut integriert werden. Aber genau das kann Pál Dárdai. Dafür hat er ein Gespür. Ich muss ehrlich sagen: Am Anfang habe ich ihn ein wenig unterschätzt.

Phan-Thi: Wir alle.
Schily: Ich bin positiv überrascht. Er hat offenbar den richtigen Stil, mit den Spielern umzugehen

Phan-Thi: Er ist einfach sehr nah an den Spielern dran.
Schily: Er kennt die Mentalität und kann sie wirklich motivieren. Die Aussichten auf eine erfolgreiche Rückrunde sind gut. Wir werden sehen, ob sie dann auch in Erfüllung gehen.

Phan-Thi: Ich bin ganz ehrlich: Ich bin Herthanerin durch und durch. Ich wünsche mir noch nicht, dass wir nächstes Jahr europäisch spielen. Ich wünsche mir, dass sich die Mannschaft stabilisiert und wir dann übernächstes Jahr angreifen.
Schily: Natürlich hat Hertha im Moment den Vorteil, dass sie nur in der Bundesliga agieren. Man sieht es ja selbst  bei den großen Vereinen, dass die Belastungsintensität, die Verletzungsgefahr und der Ermüdungsfaktor nicht einfach zu verkraften sind. Insofern haben Sie natürlich Recht, dass wir uns erst einmal etablieren sollten. Irgendwann werden wir dann jedoch unvermeidlich in der Spitze spielen und dann Deutscher Meister werden.

Phan-Thi: Der Pokal würde mir auch schon reichen. (lacht)
Schily: Ja, das wäre wunderbar - der Hauptstadtklub Pokalsieger in Berlin.

Phan-Thi: Herr Dr. Schily, dann treffen wir uns hier wieder.
Schily: Abgemacht.

(thb/thb)

Die Stiftung, 20.01.2017