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Minh-Khai trifft Daniel Koerfer

Kuratoriumsmitglied Minh-Khai Phan-Thi im Gespräch mit den Köpfen der Hertha BSC Stiftung. Teil 1.

Berlin - Schauspielerin, Moderatorin, Filmemacherin - Minh-Khai Phan-Thi ist in den unterschiedlichsten Facetten und Funktionen in den Medien bekannt. Dabei schafft sie es immer wieder, ihre große Leidenschaft - Sport in all‘ seinen Facetten - auf unterschiedliche Weise in ihr berufliches Aufgabenfeld zu integrieren. Seit zwei Jahren engagiert sie sich als Kuratoriumsmitglied bei der Hertha BSC Stiftung. Ab sofort ist sie jetzt regelmäßig unterwegs, bei den anderen Kuratoren der Stiftung, den Vorständen, großen Spendern, den Projektverantwortlichen: 'Minh-Khai trifft'. Diesmal Professor an der FU Berlin für Neuere Geschichte und Geschäftsführer der Koerferschen Verwaltungsgesellschaft Daniel Koerfer.

Minh-Khai Phan-Thi: Herr Koerfer, ich freue mich: Sie sind mein erster Professor in dieser Interview-Runde. Soll ich Professor Koerfer zu Ihnen sagen oder reicht Herr Koerfer?
Daniel Koerfer:
(lacht) Nein, Herr Koerfer reicht.

Phan-Thi: Alles klar, Herr Koerfer. Sie sind in Bern in der Schweiz geboren und haben neun Geschwister – das fand ich sehr interessant. Sie sind der Mittlere von Drillingen, das ist ja Wahnsinn. Sehen Sie drei sich sehr ähnlich?
Koerfer: Ich bin fünf Stunden jünger als mein älterer Drilling und eine halbe Stunde älter als mein jüngerer Bruder. Von den neun Kindern bin ich das Vorletzte. Der ältere Drilling sieht mir sehr ähnlich, das sehen Sie sofort. Aber er hat ganz dunkles Haar, ich bin die blonde Variante. Und von dem dritten Bruder glaubt die Familie, er sei vertauscht worden (lacht). Er sieht ganz anders aus. Aber gut, das kann bei Drillingen auch so sein und wir mögen uns alle, also ist alles gut.

Phan-Thi: Aber ist das bei Ihnen auch so, wie das oft bei Zwillingen ist, dass Sie fühlen, was die anderen fühlen?
Koerfer: Also es ist schon so, dass wir eine sehr nonverbale Kommunikation haben. Wir reden ja Schwyzerdütsch miteinander, weil wir in der Schweiz sozialisiert wurden. Gegen unsere hochdeutsch sprechenden Eltern war das schon so eine Art Abgrenzung. Aber generell reden wir eigentlich wenig miteinander – wir brauchen nicht viele Worte, um uns zu verstehen. Mittlerweile haben wir Deutschland unter uns aufgeteilt, weil wir eine zu enge Beziehung hatten, fast schon symbiotisch. Mein jüngerer Bruder ist Arzt und wohnt in München, mein älterer Drilling in Frankfurt und ich in Berlin.

Phan-Thi: Dann haben wir ja etwas gemein. Ich bin nämlich in Darmstadt geboren – also in der Nähe von Frankfurt, in München großgeworden und lebe jetzt in Berlin. Die Familien Koerfer und Phan-Thi sind sich sehr verbunden.
Koerfer: Ja, bemerkenswert (lacht).

Phan-Thi: Ich bin ja erst seit 2013 Kuratoriums-Mitglied in der Hertha-Stiftung. Seit wann sind Sie denn dabei?
Koerfer: Auch noch nicht so lange. Ich bin durch die Arbeit, genauer die Studie über Hertha in der Nazizeit, dazugekommen. 

 

Phan-Thi: Was war denn Ihr Beweggrund, in die Hertha-Stiftung einzutreten?
Koerfer: Ich bin seit 1974 in Berlin und hatte einen Freund im Studium, der hieß Helmut Schmidt – war aber nicht mit dem Bundeskanzler verwandt. Der fragte mich, ob ich schon mal bei einem Fußballspiel war. Da sagte ich: „Nee, ich komme ja aus der Provinz.“ Dann lud er mich ins Olympiastadion ein. „Ich hab’ nicht viel Geld, wir gehen auf den Rang, das ist weit weg – aber es ist ein ganz gutes Spiel: Hertha gegen Bayern“, hat er gemeint. Das war mein erstes Liga-Spiel, und es war sehr beeindruckend. Die Weltmeister wie Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Sepp Maier spielten bei Bayern. Und es war November und als ich ins Stadion kam und auf den Oberrang kletterte - doch etwas entfernt vom Spielfeld - sah ich nur Nebel. Es war ein Spiel, das auch im Dunkel blieb. Es gab zwar Flutlicht, aber ich sah nur den Ausschnitt des Mittelkreises – manchmal ein paar bewegte Schatten, wenn sich der Nebel verzog. Ich hörte die Tore, beziehungsweise Eigentore – Beckenbauer hat eines gemacht. Und Hertha hat damals gewonnen. Ich habe nicht so viel gesehen. Aber das war der Anfang meiner Beziehung zu Hertha – seltsam und magisch. Von dort an bin ich öfter ins Stadion gegangen, Mitglied geworden und dann hat mich Herr Schiphorst gefragt, ob ich die Studie machen möchte. Nach der Studie hat er zu mir gesagt: „Du weißt jetzt so viel über Hertha, du musst ins Kuratorium kommen und die Jugendarbeit befeuern.“

Phan-Thi: Das heißt, wenn man Hertha-Fan werden will, muss man erst mal im Nebel stochern…?
Koerfer: (lacht) Das heißt, man muss erst mal nichts sehen. Dann wird man irgendwann sehend.

Gesagt...

" Ich habe sieben Abstiege miterlebt. Sowas vermiest einem schon die Laune, wenn man ein bisschen Anteil nimmt."

Daniel Koerfer

Phan-Thi: Sie haben über die Jahre auch sehr viel erlebt mit Hertha. Wie sehen Sie das aktuell?
Koerfer: In der Tat. Ich habe sieben Abstiege miterlebt. Sowas vermiest einem schon die Laune, wenn man ein bisschen Anteil nimmt. Auch meine Kinder sind große Fans. Als Gabor Kiraly sich damals verabschiedet hat, hat mein elfjähriger Sohn neben mir gesessen und Tränen geweint. Hertha hat also auch schon immer den Familienbetrieb beschäftigt. Wenn das Punktekonto ansteigt, bin ich immer schon etwas entspannter. So wie jetzt, wenn man als alter Hase weiß, dass es mathematisch nicht mehr möglich ist, abzusteigen.

Phan-Thi: Für alle, die Sie nicht so gut kennen, müssen wir Sie mal ein bisschen vorstellen. Sie haben ja eine wahnsinnig politische Familie. Ihr Großvater war einer der Gründer des Grundgesetzes. Stimmt das so?
Koerfer: Da muss man ein bisschen anders anfangen. Mein Großvater mütterlicherseits war ein enger Vertrauter von Gustav Stresemann, der später Reichskanzler und Reichsminister des Äußeren wurde. Er hat meinen Großvater sehr geschätzt und ihn gefördert. 1946 wurde er von Bremen an den Verfassungskonvent von Herrenchiemsee geschickt. Mein Großvater war Jurist und hat dort das Grundgesetz vorformuliert, welches später dem parlamentarischen Rat in Bonn vorgelegt wurde.

Phan-Thi: Hat Ihr Großvater ein Einfluss darauf gehabt, dass Sie so an Geschichte interessiert sind?
Koerfer: Mein Großvater ist leider zu früh verstorben, nämlich 1959. Da war ich erst vier Jahre alt. Aber ich erinnere mich: Er war immer sehr gut angezogen, groß und elegant. Beeinflussen konnte er mich nicht mehr. Richtig entdeckt habe ich ihn auch erst während meiner Recherchen, über Altbundespräsident Weizsäcker beispielsweise. Geschichte hat mich einfach schon immer sehr interessiert, ich habe früher sehr viele Biografien gelesen, über Napoleon, Augustus, etc. Daher kommt mein Interesse.

Phan-Thi: Hatten Sie denn einen guten Geschichtslehrer? Ich hatte einen großartigen Lehrer, da ist meine Liebe für Geschichte erst entstanden.
Koerfer: Ich hatte auch einen sehr guten Geschichtslehrer. Er nannte mich immer Golo, nach Golo Mann (deutsch-schweizerischer Historiker, Sohn des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann). Schon morgens begrüßte er mich mit diesem Namen, ich bin also von ihm auch etwas in diese Richtung gedrängt worden.

Phan-Thi: Sie scheinen jemand zu sein, der gute Mentoren hatte. Später haben Sie eine Diplomarbeit geschrieben, die man heute fast tagesaktuell aus der Schublade holen könnte. 1980 schrieben sie über das Thema: „Die FDP in der Identitätskrise“.
Koerfer: Ja, das ist ein Dauertitel. (lacht)
Phan-Thi: Wie haben Sie dieses Thema denn in den letzten Jahren erlebt, wie kann man die damalige Situation mit der heutigen vergleichen?
Koerfer: Mein Mentor war damals Arnulf Bahring, er hat dieses Thema angeregt, er war medial sehr gut vernetzt. Ich bin selbst ein liberaler Mensch und glaube, dass es in einem Land wie Deutschland Alternativen und unterschiedliche Konzepte geben muss. Im Moment gibt es darüber eigentlich gar keine Diskussionen mehr. Wir haben eine sehr starke grün-mainstream-sozialdemokratisierte Politlandschaft, die wir so noch nie hatten. Ich weiß nicht, ob das dauerhaft so gut ist, weil das Land auch Alternativen braucht.

Phan-Thi: Macht Ihnen die aktuelle politische Lage Sorgen? Das würde mich als Migrantenkind sehr interessieren, da ich das selbst häufig gefragt werde. Ich meine nicht nur die Lage in Deutschland, sondern den allgemeinen Rechtsruck in Europa und die Trump-Wahl? Oder sagen Sie als Historiker, dass es so etwas schon immer gab und dass es sich auch wieder in die andere Richtung bewegen wird?
Koerfer: Als Historiker habe ich tatsächlich das Pendel im Kopf. Das Pendel schlägt immer in eine Richtung aus, bewegt sich aber auch wieder zurück. Das Pendel war bis vor Kurzem sehr stark in die Richtung der 68er-Grünen Richtung ausgeschwenkt und jetzt ist es fast die normale Reaktion – systematisch betrachtet –  dass sich im rechten Raum, auf dem aktuell so viel Platz ist, jemand breitmacht. Für mich persönlich ist das nicht so überraschend. Kritischer betrachtet ist es allerdings ein Krisenzeichen, weil zunehmend Ressentiments die Politik bestimmen. So etwas führt zu Ausgrenzung und Abschottung, auch zu Aggressivität. Mit solchen Ressentiments ist das "Dritte Reich" groß geworden, wir sollten auf der Hut sein.

Phan-Thi: Ich spüre das privat sehr, dass sich Leute bemüßigt und erstarkt fühlen, mir etwas aufgrund meines Aussehens und meiner Herkunft entgegenzusetzen. Das habe ich zuletzt Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre erlebt, als Heime brannten. Seitdem nicht mehr, erst in letzter Zeit wieder sehr stark. Das macht mir sehr viele Sorgen, können Sie mir die nehmen? 
Koerfer: Nein, mit diesen Sorgen müssen wir alle leben. Meine These aufgrund meiner Lebenserfahrung ist: Man kann nur in seinem eigenen Bereich etwas tun. Sie können noch so viel predigen, auch in den Medien. Damit erreichen Sie die Leute kaum, und wenn, dann nur kurz. In die Tiefe ihrer Seele stoßen Sie so nicht vor. Sie können nur in Ihrem eigenen Bereich etwas bewegen, Vorbild sein, dagegenhalten, ruhig und sachlich agieren. Mit sachlichen Argumenten können Sie versuchen, so etwas aufzubrechen. In Ihrem Fall, dass sie seit 1974 hier sind, sich wohl fühlen und mit Hertha und Deutschland mitfiebern, wie jeder andere auch. Meist sind das ja Reaktionen, die nicht reflektiert sind. Das ist ein generelles Problem, dass wir leider einen Split der Gesellschaft haben. Eine wachsende Schicht wird immer undifferenzierter und dadurch offener für eingängige Parolen und den vermeintlich leichteren Weg. Das sehe ich auch bei meinen Studenten, die lesen kaum noch, keine Bücher und wenn, dann Wikipedia. Am liebsten würden sie Aufsätze und Referate nur mit Wikipedia erarbeiten (lacht). Das geht aber bei mir nicht, weil Quellen und Fußnoten natürlich trotzdem geliefert werden müssen. Das ist hart, aber so ist es.

Phan-Thi: Haben Sie damit gerechnet, dass Trump Präsident wird?
Koerfer: Ganz ehrlich? Nein, ich habe nicht damit gerechnet, dass er es schafft. Ich war in der Wahlnacht in einem Hotel, mein Handy fing um 04:45 Uhr an, wie verrückt zu vibrieren. Dort stand, dass der erste Swing-State an Trump gegangen sei. Ich schaltete den Fernseher an und von da an war ich überzeugt, dass er es schaffen könnte. Die Swing-States waren dafür ein deutliches Zeichen. Da war ich sofort hellwach. Seine erste Rede nach der Wahl war ja dann auch gar nicht so schlecht. Er ist halt ein Show-Man. Wir wissen nicht, was die Substanz hinter diesem Show-Man ist, das muss sich erst noch zeigen. Ich bin auch vorsichtig mit Vorurteilen. Ich habe mich noch nicht viel mit ihm beschäftigt, muss ihn mir noch intensiv angucken. Ein Autor schrieb „Die Akte Trump“, das werde ich jetzt lesen. Er kennt ihn wohl seit 30 Jahren, bezeichnet ihn als Narzisst und unlenkbar und sagt, mit ihm könne es sehr gefährlich werden. Das werden wir sehen, ich will so früh darüber nicht urteilen.

Phan-Thi: Aber würden Sie sagen, dass man mit solchen populistischen Parolen Wahlen gewinnt und wird das vielleicht auch eine Tendenz für unsere Bundestagswahl in 2017?
Koerfer: Amerika ist anders als Deutschland. Total anders.
Phan Thi: Allein das Zwei-Parteien-System.
Koerfer: Genau. Ein Zwei-Parteien-System und eigentlich sind in Amerika eine eigenständige Linke und Rechte kaum vorhanden. Sie gehören den Demokraten beziehungsweise den Republikanern an. Clinton ist demokratisch, was in den USA fast schon sozialistisch bedeutet. Diese große Spannweite muss man bedenken, und daher glaube ich nicht, dass das so 1-zu-1 auf Deutschland zu übertragen sein wird. Als Historiker weiß ich: Populismus gibt es seit der Antike. Die Popularen, das waren diejenigen, die schon in der römischen Republik dem Volk alles versprochen haben. Es endete im Bürgerkrieg und das Kaiserreich zog auf. Weil so etwas eben die Grundlagen erodieren lässt. Keine Partei konnte damals und kann heute alles, was sie versprochen hat, erreichen. Das heißt, die Erwartungen werden noch mehr enttäuscht. Die Enttäuschten werden noch enttäuschter. Dann haben wir ein richtig großes Problem.

Phan-Thi: Sie sind ja auch wirtschaftlich tätig, als Manager. Dazu habe ich eine tolle Überschrift in der FAZ gefunden: „Historiker mit Hochhaus“, oder auch Ihre Aussage, Sie führten ein Doppelleben.
Koerfer: Ja genau, schrecklich (lacht).
Phan-Thi: Jetzt müssen Sie uns aufklären. Warum führen Sie ein Doppelleben?
Koerfer: Ich bin Wissenschaftler, unterrichte an einer Universität und bin jetzt auch Kurator am Ludwig-Erhard-Museum in Fürth. Aber ich bin auch im Unternehmen tätig, das mein anderer Großvater schuf und diese Firma baute das erste Hochhaus in Europa.
Phan-Thi: Ein sehr berühmter Architekt. Ich habe in Köln damals bei VIVA moderiert und kenne das Hansa-Hochhaus. Ich habe gelesen, dass Ihr Großvater dieses Haus gebaut hat.
Koerfer: Eben! 1923. Das war die Zeit der Hyperinflation. Er hatte keinen einzigen Mieter, das war riskant. Aber der Kölner Oberbürgermeister Adenauer wollte dieses brachliegende Gelände am Bahngleis bebaut haben. Gleichzeitig baute Düsseldorf die Börse. Adenauer wollte bei seinem Vorhaben die Börse in Düsseldorf noch um ein paar Stockwerke übertreffen. Mein Großvater erklärte sich bereit. Da er aber keinen Mieter hatte, erließ die Stadt ihm sogar den Kaufpreis. Heute wäre das alles wahrscheinlich nicht möglich gewesen. Aber die Inflation war damals so ausgeprägt, dass man meinte, das müsse man machen. Deshalb haben wir dieses Gebäude in Familienbesitz halten können. Im 11. Stock ist heute unsere Verwaltung. Wir haben 28 Mitarbeiter, sind Mittelständler und ich bin eines von drei Mitgliedern der Geschäftsführung.
Phan-Thi: Genau, Sie sind nämlich auch Immobilien-Manager. Außerdem habe ich gehört, dass Ihr Vater Sie damals fragte oder bestimmte, dass Sie das das Familienunternehmen führen...

 

Fortsetzung folgt.


(lb,jr/lb)

Die Stiftung, 20.01.2017