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Minh-Khai trifft Daniel Koerfer Teil II

Kuratoriumsmitglied Minh-Khai Phan-Thi im Gespräch mit den Köpfen der Hertha BSC Stiftung. Teil II.

Berlin - Schauspielerin, Moderatorin, Filmemacherin - Minh-Khai Phan-Thi ist in den unterschiedlichsten Facetten und Funktionen in den Medien bekannt. Dabei schafft sie es immer wieder, ihre große Leidenschaft - Sport in all‘ seinen Facetten - auf unterschiedliche Weise in ihr berufliches Aufgabenfeld zu integrieren. Seit zwei Jahren engagiert sie sich als Kuratoriumsmitglied bei der Hertha BSC Stiftung. Ab sofort ist sie jetzt regelmäßig unterwegs, bei den anderen Kuratoren der Stiftung, den Vorständen, großen Spendern, den Projektverantwortlichen: 'Minh-Khai trifft'. Diesmal Professor an der FU Berlin für Neuere Geschichte und Geschäftsführer der Koerferschen Verwaltungsgesellschaft Daniel Koerfer.

Hier ist Teil zwei des Interviews mit Daniel Koerfer, den ersten gibt es hier.

Phan-Ti: Sie sind ja auch Immobilien-Manager. Außerdem habe ich gehört, dass Ihr Vater Sie damals fragte oder bestimmte, dass Sie das Familienunternehmen führen. Von zehn Kindern hat er ausgerechnet das jüngste Kind gefragt …
Koerfer:
(lacht) Nicht gefragt, sondern bestimmt.

Phan-Ti: Woran lag es denn, dass Ihr Vater Sie für diese Aufgabe bestimmt hat?
Koerfer:
Also mein ältester Bruder starb an Leukämie, und die Zweitälteste war auch schon gestorben. Die zwei Mädchen, die dann folgen, kamen für meinen Vater nie in Frage. So war das damals. Den nächstfolgenden Sohn testete mein Vater für den Job, aber der hatte schon einige Millionen versenkt. Und so wurde die Auswahl immer kleiner. Dann hat er sich wahrscheinlich gesagt: „Dann nehme ich den ganz jungen Sohn, der gerade promoviert hat und in den Job hineinwachsen kann.“ Und genau so ist es dann auch gekommen. Meiner Meinung nach war das keine dumme Wahl von ihm (lacht).

Phan-Ti: Und die anderen Geschwister waren dann nicht beleidigt, sondern froh darüber?
Koerfer:
Ja, die waren schon eher froh darüber. Das ist nämlich nicht so einfach, weil da 42 Gesellschafter mit unterschiedlichen Prozenten im Unternehmen sind. Man muss halt mit allen reden, im Kontakt sein und Kritik einstecken können. Jedes der Unternehmen ist kritisch und jeder will etwas Anderes. Das darf man nicht an sich heranlassen. Aber ich bin buddhistisch, mich kann man nicht aus der Ruhe bringen.

Phan-Ti: Herr Koerfer, ich bin auch Buddhistin. Also jetzt wird es langsam unheimlich mit uns beiden (lacht). Jetzt kommen wir aber wieder zu einer anderen Sache, nämlich zur Beauftragung von Herrn Schiphorst. 2006 bis 2008 hat er Sie nämlich mit der Untersuchung ‚Hertha unterm Hakenkreuz‘ (2009 erschienen) beauftragt. Worum ging es da genau?
Koerfer:
Der Auftrag war eigentlich, herauszufinden, wie Hertha durch das Dritte Reich gekommen ist. Damit beschäftigen sich ja viele Vereine. Damals war Herr Schiphorst noch Präsident, er ist mit der Anfrage auf mich zugekommen. Wir kannten uns und haben uns schon viel über geschichtliche Themen ausgetauscht. Dann habe ich den Auftrag angenommen, allerdings mit der Forderung, das in einem Team zu bearbeiten. Ich wusste, dass es eine sehr breitgefächerte Recherche dafür geben musste. Ich habe alle Archive in Berlin abgesucht, zum Beispiel das Parteigerichtsarchiv der NSDAP, das kein Mensch kennt. Und da haben wir dann den Hertha-Mannschaftsarzt Hermann Horwitz und seine Konflikte mit NS-Mann Hans Pfeiffer (dem damaligen „Vereinsführer“, Anmerkung d. R.) entdeckt.

Phan-Ti: Der Mannschaftsarzt ist ja damals verschleppt worden und in Auschwitz gestorben. Was war eigentlich das Erstaunlichste, was Sie bei dieser Studie herausgefunden haben.
Koerfer:
Für mich war es erstaunlich, wie wenig darüber im Internet zu finden ist - nämlich nichts. Wenn Sie „Hertha“ googlen, dann finden Sie natürlich viel, aber das, was Sie heute über die Zeit von Hertha während des Nationalsozialismus finden, ist alles von mir. Wie viele Mitglieder hatte Hertha damals? Wie viele davon waren jüdisch? Wie viele Leute sind davon gefallen? Wie viele waren an der Ostfront? Das alles haben wir recherchiert und herausgefunden. Insgesamt gab es etwa 300 Hertha-Soldaten. Der Verein war aber sehr klein damals, es gab alles in allem nur 500 Mitglieder. Was genau das Erstaunlichste ist, was wir herausgefunden haben? Ich finde es sehr erstaunlich, dass wir den Alltag der Leute damals erfasst haben. Ich habe auch den letzten lebenden Herthaner, der in der NS-Zeit gespielt hat, Heinz Tamm, getroffen. Also einen Zeitzeugen, der mir einen O-Ton geben konnte. Der hat mir zum Beispiel erzählt, dass Hertha kein Nazi-Club war. Wilhelm Wernicke (Präsident, bevor Pfeiffer von den Nazis ins Amt gehievt wurde, Anmerkung d.R.) habe immer Stullen für alle geschmiert, und alle haben die 'Fußball-Woche' bekommen, auch an der Front. Fußball war für alle das Lebenselixier, man hat zusammen gehalten. Die Frage war dann natürlich, inwieweit die Nationalsozialisten da eingegriffen haben. Und natürlich sind all diese spannenden Infos, die wir herausgefunden haben, nicht nur schwarz-weiß, sondern auch eine Grauzone.

Phan-Ti: So wie alles im Leben. Das Schöne ist ja, dass die Hertha-Stiftung sich dafür einsetzt, dass sich die Fußballakademie mit Geschichte beschäftigen kann. Wie erleben Sie denn überhaupt heutzutage Jugendliche, die sich mit Geschichte auseinandersetzen?
Koerfer:
Also die meisten von ihnen sind weitgehend ahnungslos. Sie müssen über solche Geschichten gewonnen werden, deswegen ist so etwas so wichtig. Diese Geschichtsgruppe, die sich mit Hermann Horwitz auseinandersetzt, hat herausgefunden, dass er in Auschwitz noch lebte und für ein halbes Jahr Lagerarzt war – das wusste ich zum Beispiel noch gar nicht.

Phan-Ti: Um nochmal zur Hertha-Stiftung zurückzukommen: Was fehlt dieser Stiftung noch, wo sollte man mehr hinschauen und was wurde besonders gut gemacht?
Koerfer:
Positiv ist wirklich, dass der Fokus der Stiftung nicht nur auf dem Fußball selbst liegt, sondern auch auf Themen, die damit zu tun haben. Keine Karriere ist zu planen. Im Leben muss man auf Leute setzen und sagen: „Ich fördere dich, ich glaube an dich“ – und in den allermeisten Fällen wird es dann auch was, weil man die Menschen begleitet und an den entscheidenden Stellen hilft. Die Leute, die die Jugendarbeit bei Hertha machen, die ich kennen gelernt habe, sind genauso. Pál Dárdai gehört da auch zu.

Phan-Ti: …und er hat blau-weißes Blut (lacht).
Koerfer:
Was selten ist, aber in Ungarn wohl eher vorkommt.

Phan-Ti: Und was sollte die Hertha-Stiftung noch mehr fokussieren?
Koerfer:
Ich denke, die Stiftung könnte jungen Menschen noch mehr meinen Bereich, also Geschichte, nahebringen. Sie sollten auch noch mehr mit der Historie des Vereins und der Stadt vertraut gemacht werden. Was Hertha im Kalten Krieg gewesen ist, wieso Axel Springer diesen Verein so gefördert hat, wer Willy Brandt war.

Phan-Ti: Ja, ich glaube, dass ist vor allem in Anbetracht der aktuellen politischen Situation sehr angebracht, damit sich Geschichte auch nicht wiederholt.
Koerfer:
Geschichte wiederholt sich ja sowieso nicht eins zu eins, aber die Trends kommen wieder, und das beunruhigt mich auch. Vor allem, wenn wir es ökonomisch betrachten. Wir haben Protektionismus, der auf Grund der Spaltung Europas in arm und reich, auf den mit Zollschranken reagiert wird, wiederkommt. Das sind alles Mittel aus den 30er Jahren, in denen sich die Welt ‚verrannt‘ hat. Der Brexit ist somit auch ein Armutszeugnis, weil die Briten (für mich) das liberale Urvolk sind und sie aber jetzt in den kleinen provinziellen Status zurückgefallen sind und aus Europa rauswollen. Sie werden sich aber noch umgucken, weil man nur im Zusammenwirken gewinnt. Jeder gegen jeden – da verlieren alle. Die Europäische Union ist eine der größten Errungenschaften seit der französischen Revolution oder den Revolutionen der Moderne, wo man Nationalismus und Sozialismus verbunden und gezähmt hat. Wenn man sie aber beide einzeln wirken lässt, sind sie mörderisch.

Phan-Ti: Das lasse ich mal so stehen. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Koerfer. Es hat mich sehr gefreut!

Die Stiftung, 31.01.2017